Teil 3 unserer Kampagnenserie “Was uns bewegt”: Wir haben einen ganz besonderen Sportler in Vorarlberg besucht – Bernd Dünser hat eine äußerst spannende Story und ein extrem bewegtes Leben zu erzählen.

Foto: Marion Rachlinger/ÖFBV
Als Bernd Dünser heute nach der Arbeit ins Auto steigt und Richtung Training fährt, wirkt das selbstverständlich. Ein Mann, 34 Jahre alt, unterwegs zum Sport. Doch nichts an diesem Weg war selbstverständlich.
„Aufgeben ist nur ein Brief“, sagt er. Und wer ihm zuhört, merkt schnell: Dieser Satz ist kein Kalenderspruch. Es ist sein Lebensmotto.
Bernds Leben teilt sich in ein Davor und ein Danach. Als Kind stürzte er zwölf Meter in die Tiefe, schlug mit dem Kopf auf Beton auf. Er wurde lange reanimiert, mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen, drei Wochen ins künstliche Koma versetzt. Als die Ärzte versuchten, ihn zurückzuholen, wachte er nicht sofort auf. Erst Wochen später kam er zu sich – und musste alles neu lernen. Essen. Sprechen. Aufstehen.
Damals hieß es, er würde ein Pflegefall bleiben.
Heute fährt er Auto.
Der Führerschein bedeutet ihm mehr als Mobilität. „Jetzt komme ich überall hin, wo ich möchte“, sagt er. Freiheit, das ist für ihn kein großes Wort. Es ist die Möglichkeit, nach der Arbeit selbstständig nach Bludenz zu fahren, zum Training, zu Freunden. Es ist Unabhängigkeit – und ein stiller Beweis dafür, dass Prognosen nicht das letzte Wort haben.
Arbeit gibt seinem Alltag Struktur. Seit 18 Jahren ist Bernd in der Propstei St. Gerold tätig. Ein Hotelbetrieb mit Kirche, Gästehaus und Landwirtschaft. „Ich bin ein Allrounder“, sagt er mit einem Lächeln. Stall bei den Pferden, Zimmerdienst, Service, Küche, Hausmeister – Bernd arbeitet überall mit.
Was ihn daran glücklich macht? „Dass ich mit Menschen zusammenarbeiten darf.“
Es sind die Begegnungen, die ihn tragen. Neue Gäste, Gespräche, Teil eines Teams sein. Arbeit bedeutet für ihn nicht nur Beschäftigung, sondern Zugehörigkeit.
Genauso wichtig wie die Arbeit ist der Sport. Was einst als zusätzliche Aktivität begann, wurde zu einem zentralen Teil seines Lebens. Über Floorball fand er den Weg zu Special Olympics Österreich – und blieb.
Mehrmals pro Woche trainiert er: Floorball, Nordic Walking, Tanzen. Wenn ihn etwas interessiert, probiert er es aus. „Ich schaue einfach, wie es mir taugt“, sagt er. Dieses Ausprobieren hat ihm nicht nur sportliche Erfolge gebracht, sondern auch neue Freundschaften. Besonders bei Bewerben blüht er auf. Große Veranstaltungen sind für ihn weniger Wettkampf als Begegnung.
Mit besonderer Vorfreude blickt er auf die kommenden Nationalen Special Olympics Sommerspiele in Wien. Für ihn bedeuten diese Tage mehr als sportliche Bewerbe. Es ist die Atmosphäre, die ihn begeistert – das Zusammenkommen von so vielen Athletinnen und Athleten, das gemeinsame Einmarschieren, das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein. „Ich hoffe, dass ich viele neue Freunde kennenlerne“, sagt er. Er freut sich auf die Stimmung in der Halle, auf Menschen, die anfeuern, auf das Wiedersehen mit Bekannten aus anderen Bundesländern. Die Sommerspiele sind für ihn ein Fest der Gemeinschaft, ein Ort, an dem Leistung zählt, aber vor allem das Miteinander. Und wenn sein Name aufgerufen wird, dann steht er dort nicht nur als Sportler, sondern als jemand, der seinen Weg gegangen ist – Schritt für Schritt, Training für Training.
Der Sport hat ihm Selbstvertrauen gegeben. „Das baut mich auf“, erklärt er. Nach einem Training fühlt er sich stärker – körperlich und innerlich. Vielleicht, weil jede Einheit auch eine Erinnerung daran ist, wie weit er gekommen ist.
Bernd lebt bei seinen Eltern. „Durch das Dasein“, beschreibt er ihre größte Unterstützung. Gespräche, Nähe, Alltag. Gleichzeitig versucht er, etwas zurückzugeben. Er geht einkaufen, verbindet Termine mit Erledigungen, übernimmt Verantwortung. Gemeinschaft bedeutet für ihn Geben und Nehmen.
Was auffällt, wenn man mit ihm spricht, ist sein konsequenter Optimismus. „Du musst aus der Situation das Beste machen“, sagt er. Für ihn ist das keine Theorie. Er weiß, wie es ist, wenn das Leben von einem Moment auf den anderen kippt. Und er weiß, wie viel Kraft es kostet, sich zurückzukämpfen.
Trotzdem – oder gerade deshalb – blickt er nach vorne. Konkrete große Ziele nennt er nicht. „Ich gebe nie auf“, sagt er stattdessen. „Es wird noch etwas Besseres kommen.“
Vielleicht liegt genau darin seine Stärke: nicht verbissen einem Plan nachzujagen, sondern offen zu bleiben für das, was kommt. Arbeiten, trainieren, Menschen treffen. Jeden Tag nutzen.
Wenn man ihn bittet, sich selbst in drei Worten zu beschreiben, überlegt er nicht lange: „Einfach glücklich sein.“
Und während andere vielleicht zuerst den Unfall sehen würden, sieht man bei Bernd vor allem eines: einen Mann, der mitten im Leben steht. Mit Arbeit. Mit Sport. Mit einem Führerschein in der Tasche. Mit einem Satz, der ihn trägt.
„Aufgeben ist nur ein Brief.“
Text: Letizia Majstorovic




