WAS UNS BEWEGT, Teil 13: Wenn Verena Eder die Tanzfläche betritt, verändert sich etwas im Raum. Die Musik beginnt, die ersten Bewegungen setzen ein, und plötzlich scheint alles um sie herum für einen Moment stillzustehen. Ihre Augen leuchten und aus der konzentrierten jungen Frau wird jemand, der mit jeder Bewegung Gefühle nach außen trägt. Freude, Liebe, Stolz all das, was sich oft nur schwer in Worte fassen lässt, findet bei ihr über den Tanz einen Weg nach draußen. „Ich möchte durch meine Tänze Liebe und Freude in die Welt hinaustragen“, sagt Verena selbst. Und genau das beschreibt sie wohl am besten.
Fotos: GEPA pictures
Die 25-Jährige aus Klagenfurt gehört zu den erfolgreichsten österreichischen Athletinnen bei Special Olympics. Seit 2018 nimmt sie regelmäßig an Bewerben und Spielen von Special Olympics teil. Zahlreiche Erfolge, darunter Kärntner Meistertitel und internationale Wettkämpfe konnte Verena bereits feiern. Doch obwohl der Sport schon lange ein wichtiger Teil ihres Lebens ist, fand sie erst vor vier Jahren im Tanzsport jene Ausdrucksform, die sie vollkommen erfüllt. Heute trainiert sie beim Dance Project Österreich unter Ulrike Adler-Wiegele und gewann im Vorjahr bei den World Games in Turin Gold.
Für Verena bedeutet Tanzen weit mehr als Technik oder Choreografie. Es ist eine Möglichkeit, ihre Gefühle sichtbar zu machen. Während sie im Schwimmen gegen die Zeit kämpft, kann sie auf der Tanzfläche loslassen. „Im Tanz kann sie ihre Emotionen zeigen, da transportiert sie das nach außen, was in ihr steckt“, erzählt ihre Mutter Sabine Puxbaumer. Besonders in den Momenten, in denen das Publikum applaudiert, verändert sich etwas, sie beginnt mit dem Publikum zu interagieren, sucht den Kontakt und nimmt die Menschen mit in ihre Welt.
Wie sehr der Tanzsport Menschen berühren kann, zeigte sich bei den Special Olympics Winter World Games 2025 in Turin besonders eindrucksvoll. Bei der Siegerehrung stand Verena Eder zunächst auf dem zweiten Platz, ehe der Moderator plötzlich innehielt und den Fehler korrigierte: „Sorry, it’s double gold.“ Erst in diesem Moment wurde klar, dass sie tatsächlich gewonnen hatte. Für die Familie ein Augenblick voller Emotionen, den niemand vergessen wird. Tränen, Freude, Fassungslosigkeit – alles kam gleichzeitig. Auch beim Ball der Lebenshilfe im letzten Jahr sorgte sie mit ihrem Auftritt für Gänsehaut. Nach der Eröffnung bekam sie Standing Ovations, das Publikum wollte den Tanz sofort noch einmal sehen.
Doch Verenas Geschichte handelt nicht nur von Erfolgen oder Medaillen. Sie handelt vor allem von ihrer Art, durchs Leben zu gehen. Verena hat Trisomie 21, doch im Gespräch wird schnell deutlich, dass ihre Familie dieses Thema nie über Grenzen definiert hat. Stattdessen stand immer im Mittelpunkt, was möglich ist. Sabine erzählt, dass ihre Tochter alles ausprobieren durfte, vom Fechten über Klettern bis hin zum Schwimmen und Tanzen. „Die Grenzen entstehen oft nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Wenn man ihnen nichts zutraut, können sie auch nichts zeigen“, sagt sie.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Verena heute so selbstbewusst ist. Sie arbeitet seit mehreren Jahren im Service eines Cafés in Klagenfurt, organisiert ihren Alltag zunehmend selbstständig und zieht im Sommer in ihre erste eigene Wohnung. Gemeinsam mit ihrer Mutter plant sie Einkaufslisten und Wochenabläufe, vieles erledigt sie aber längst allein. Dazu kommen Trainingseinheiten, Wanderungen, Open-Water-Schwimmen und vor allem Zeit mit Freundinnen, die in ihrem Leben einen besonders wichtigen Platz einnehmen.
Auffällig ist vor allem ihre Offenheit. Sie sagt, was sie denkt, freut sich ehrlich und verstellt sich nicht. Genau darin sieht ihre Mutter auch etwas, das viele Menschen von Personen mit Trisomie 21 lernen könnten. „Sie sagen Dinge so, wie sie sie fühlen – nicht so, wie andere es vielleicht hören wollen“, erklärt sie. Diese Echtheit spürt man auch im Umgang mit Verena. Sie begegnet Menschen offen, herzlich und ohne Vorurteile. Nachtragend sei sie nie, dafür umso mehr ein Mensch, der Harmonie liebt und andere mit ihrer positiven Art ansteckt.
Wenn man Verena fragt, was sie anderen Menschen mitgeben möchte, fällt die Antwort einfach aus: Liebe, Freude und dass man nicht aufgeben soll. Es sind keine großen Worte, keine einstudierten Sätze und genau deshalb wirken sie so stark. Denn Verena Eder erinnert Menschen an etwas, das im Alltag oft verloren geht: ehrlich zu fühlen, mutig zu sein und daran zu glauben, dass man große Träume erreichen kann.
Text: Maria Bonaccorso





