WAS UNS BEWEGT, Teil 14: Christian Hofer war schon als Kind voller Energie. Ruhig sitzen, lange still bleiben oder einfach nur zuschauen, das war nie seine Welt. Während andere Kinder gemütlich am Spielplatz spielten, wollte Christian klettern, turnen, laufen und ständig in Bewegung sein. Seine Eltern merkten früh, dass in ihrem Sohn ein enormer Bewegungsdrang steckt. Also machten sie aus seinem Kinderzimmer kurzerhand eine kleinen Bewegungslandschaft: Ein Seil zum Klettern wurde quer durch den Raum gespannt, dazu kamen eine Sprossenwand und Matratzen zum Turnen. „Mit ihm spazieren zu gehen oder einfach ruhig irgendwo zu sitzen, war eigentlich nie möglich“, erzählt seine Mutter Monika Hofer heute lachend.

Sport wurde damit schon früh ein fixer Bestandteil seines Lebens. Ob Radfahren, Schwimmen, Skifahren, Langlaufen, Inlineskaten oder Eislaufen, Christian probierte begeistert alles aus. Bewegung bedeutete für ihn die Möglichkeit, seine ganze Energie auszuleben und vollkommen darin aufzugehen. Seine Eltern wollten ihm nie Grenzen aufzeigen, sondern Möglichkeiten schaffen. Christian Hofer wurde am 13. November 1979 mit Down-Syndrom geboren, doch in der Familie stand nie im Mittelpunkt, was vielleicht nicht möglich sein könnte. Viel wichtiger war immer, was ihm Freude macht und worin er sich entfalten kann.

Eine entscheidende Wendung nahm Christians Leben vor über 32 Jahren. Durch eine Radiosendung wurden seine Eltern auf das Heilpädagogische Voltigieren aufmerksam. Schnell merkten sie, wie gut ihm die Arbeit mit den Pferden tat. Beim Verein Happiness fand Christian nicht nur eine Sportart, sondern eine Gemeinschaft, in der er akzeptiert und geschätzt wurde. Trainerin Andrea Bossler erkannte früh sein Talent und förderte ihn über viele Jahre hinweg. Besonders das Zusammenspiel mit dem Pferd stärkte Christian enorm. Seine Mutter erinnert sich noch heute daran, wie sich seine Haltung veränderte: „Er hat sich richtig aufgerichtet. Man hat gemerkt, wie sein Selbstbewusstsein gewachsen ist.“

Beim Voltigieren entwickelte Christian schnell große Begeisterung. Besonders seine Kürübungen blieben vielen in Erinnerung. Mit einem Purzelbaum vom Pferd abzusteigen, wurde beinahe zu seinem Markenzeichen. Doch nicht nur sportlich entwickelte er sich weiter, auch menschlich gewann er enorm an Sicherheit, Offenheit und Freude am gemeinsamen Miteinander.

Besonders die ersten Weltspiele 2003 in Irland blieben der Familie tief im Herzen. Als Christian damals mit einer Goldmedaille nach Hause kam, wartete zuhause eine Überraschung auf ihn: Die Nachbarn standen mit Transparenten, Luftballons und Trompeten auf der Straße und bereiteten ihm einen Empfang, den die Familie nie vergessen wird. „Wenn wir heute daran zurückdenken, bekommen wir noch immer Gänsehaut“, erzählt Monika Hofer.

Auch beim Eislaufen schrieb Christian besondere Geschichten. Bei den World Games 2005 in Nagano beendete er seine Kür mit einem lauten Jubelschrei – aus purer Freude darüber, dass alles gelungen war. Am nächsten Tag erschien genau dieses Bild sogar in einer japanischen Zeitung. Für seine Familie war das ein weiterer dieser Momente, die zeigen, wie viel Lebensfreude Christian ausstrahlt.

Neben dem Reiten entdeckte Christian später auch das Stockschießen für sich. Vor allem das Training gemeinsam mit Freunden, Kollegen und Trainer Peter Götz macht ihm große Freude. Für seine Mutter liegt genau darin die wahre Bedeutung von Special Olympics: „Dort gibt es keinen Neid. Jeder freut sich für den anderen. Das ist Sport in seiner reinsten Form.“ Über die Jahre entstanden dadurch nicht nur sportliche Erfolge, sondern auch tiefe Freundschaften und viele besondere Begegnungen. Doch für seine Eltern zählen nicht die Erfolge. Viel wichtiger ist, was der Sport ihrem Sohn gegeben hat: Selbstvertrauen, Selbstständigkeit und einen Platz, an dem er sich wohlfühlt. Für seine Eltern war diese Reise eine echte Lebensschule. „Christian hat uns gezeigt, dass nichts selbstverständlich ist“, sagt Monika Hofer. „Unser Leben ist vielleicht anders verlaufen, aber deswegen nicht weniger schön.“

Neben all dem Stolz und den vielen schönen Erinnerungen begleitet Monika Hofer auch ein Gedanke, der sie emotional bewegt. Christian lebt noch zuhause, dort fühlt er sich wohl, sicher und geborgen. Für Veränderungen fehlt ihm oft der Antrieb, weil das Zuhause für ihn Stabilität bedeutet. „Wir sind beide schon über 70“, sagt seine Mutter nachdenklich. „Da fragt man sich natürlich manchmal, wie es irgendwann weitergehen wird.“

Gerade deshalb war es den Eltern immer besonders wichtig, Christian Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit zu begleiten. Vieles schafft er heute längst allein: Er fährt selbstständig zur Arbeit, kennt sich mit technischen Geräten oft besser aus als seine Eltern und hilft selbstverständlich im Haushalt und Garten mit.

Christian ist ein lebensfroher Mensch mit vielen Interessen. Er fotografiert leidenschaftlich gerne, liebt Musik von Heavy Metall bis Volksmusik und begeistert bei Konzerten oft sogar die Künstler selbst. Vor allem aber begeistert er Menschen durch seine offene, herzliche Art und genau das macht ihn so besonders.

Text: Maria Bonaccorso