WAS UNS BEWEGT, Teil 16: Wenn Isabella Szele von ihren sportlichen Erfolgen erzählt, geschieht das meist beiläufig. Dabei gäbe es viel zu erzählen: Gold, Silber und Bronze bei internationalen Special-Olympics-Wettbewerben, Auszeichnungen und unzählige Momente auf den größten Bühnen ihres Sports. Doch wer Isabella begegnet, erinnert sich selten zuerst an ihre Medaillen. Es ist ihr Lächeln, ihre Herzlichkeit und ihre besondere Art, Menschen zu begegnen, die in Erinnerung bleiben.

„Das ist die, die immer lacht und grüßt “, sagt ihr Vater Helmut. Im Innenministerium, wo Isabella seit vielen Jahren arbeitet, kennen sie viele genau so. Freundlich, offen und stets mit einem ehrlichen Interesse an ihrem Gegenüber. Eigenschaften, die für ihre Familie viel bedeutsamer sind als jede Platzierung.

Ihr Weg begann unter schwierigen Voraussetzungen. Durch Komplikationen bei der Geburt erlitt Isabella eine Beeinträchtigung, die ihre Entwicklung nachhaltig beeinflusste. Vieles, was andere Kinder selbstverständlich lernen, musste sie sich Schritt für Schritt erarbeiten. Sprechen, Farben erkennen, Zusammenhänge verstehen oder alltägliche Abläufe bewältigen – nichts davon kam von selbst. Doch ihre Eltern gaben nie auf.

Vor allem ihre Mutter Sonja suchte unermüdlich nach Möglichkeiten, ihrer Tochter zu helfen. Gemeinsam probierte die Familie Therapien, Förderprogramme und Lernmethoden aus. „Wir haben nichts unversucht gelassen “, erinnert sich ihr Vater. Vieles war mühsam, manches brachte nur kleine Fortschritte. Doch genau diese kleinen Schritte wurden im Laufe der Jahre zu einem bemerkenswerten Weg.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei der Sport. Als Isabella den Wunsch äußerte, reiten zu lernen, führte sie dieser Weg schließlich zu Andrea Bossler. Die ausgebildete Therapeutin und Reittrainerin arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten mit ihr zusammen. Andrea erinnert sich noch gut an die ersten Begegnungen. Isabella kam aus einer gewöhnlichen Reitschule, in der sie sich unsicher und überfordert fühlte. „Sie war sehr verunsichert und hat ständig gefragt, ob sie alles richtig macht “, erzählt ihre Trainerin.

Schon bald erkannte Andrea jedoch etwas, das weit über die sportlichen Fähigkeiten hinausging. Auf dem Pferd gewann Isabella Vertrauen in sich selbst. Aus den ersten Voltigierübungen wurde eigenständiges Reiten, aus vorsichtigen Schritten ein neues Selbstbewusstsein. „Sie musste vor allem lernen, sich selbst etwas zuzutrauen “, sagt Andrea.

Wie groß diese Entwicklung war, zeigte sich besonders bei den Special Olympics World Games 2007 in Shanghai. Dort gewann Isabella Gold, Silber und Bronze. Für ihren Vater war das ein Wendepunkt. Die Erfolge veränderten nicht nur ihre sportliche Laufbahn, sondern auch ihr Auftreten. Plötzlich wusste sie, dass sie Dinge erreichen kann, die ihr viele nie zugetraut hätten. Ihr Selbstvertrauen wuchs – und mit ihm der Mut, ihren Platz in der Welt einzunehmen.

Es folgten weitere Höhepunkte. Internationale Wettbewerbe in Athen, Los Angeles und Berlin, zahlreiche Medaillen und die Auszeichnung als Special Olympics Sportlerin des Jahres 2011. Doch weder ihre Familie noch ihre Trainerin sprechen zuerst über Ergebnisse. Viel wichtiger ist ihnen, was der Sport Isabella gegeben hat.

Bis heute kommt sie jeden Montag zum Training. Seit vielen Jahren. Andrea Bossler hebt diese Beständigkeit besonders hervor. Vor Wettkämpfen werden Dressuraufgaben und technische Übungen trainiert. Dazwischen geht es oft einfach darum, Zeit mit den Pferden zu verbringen, auszureiten und die Verbindung zum Tier zu stärken. „Sie fühlt sich auf dem Pferd einfach wohl “, sagt ihre Trainerin.

Mindestens genauso wichtig ist die Gemeinschaft. Andrea erzählt von Trainingslagern, gemeinsamen Ausflügen und einem besonderen Zusammenhalt unter den Sportler:innen. Konkurrenz spielt kaum eine Rolle. Stattdessen unterstützen sich alle gegenseitig. Bei den Weltspielen in Berlin wurde Isabella nach einer schwierigen Prüfung von ihren Teamkollegen aufgebaut und ermutigt. Am Ende gewann sie dennoch eine Medaille. Auch ihr Vater sieht darin etwas Besonderes. Immer wieder spricht er von der Wertschätzung, dem Mitgefühl und der Freude, die er unter den Sportler:innen erlebt. Eigenschaften, die weit über den Sport hinausreichen.

Heute lebt Isabella zunehmend selbstständig, arbeitet, trainiert regelmäßig und entwickelt sich immer weiter. Vieles, was früher unmöglich erschien, gehört inzwischen zu ihrem Alltag. Und dennoch bleibt sie die gleiche bescheidene Person.

Mit Vorfreude blickt Isabella auch auf die kommenden Nationalen Sommerspiele von Special Olympics Österreich. Während Medaillen früher oft im Mittelpunkt standen, hat sich ihr Blick auf den Sport über die Jahre verändert. Natürlich freut sie sich über gute Leistungen, doch viel wichtiger sind für sie die gemeinsamen Erlebnisse, die Begegnungen mit anderen Sportler:innen und die besondere Atmosphäre der Spiele. Auch ihre Trainerin betont, dass der Spaß und die Freude am Reiten an erster Stelle stehen sollen. Isabella selbst setzt sich oft unter Druck, alles perfekt machen zu wollen. Deshalb erinnert ihre Trainerin sie immer wieder daran, dass sie längst bewiesen hat, was in ihr steckt. Für die Sommerspiele wünscht sich Isabella vor allem, ihr Können zu zeigen, die Zeit mit ihrer Special-Olympics-Familie zu genießen und viele schöne Erinnerungen mit nach Hause zu nehmen. Ein Platz auf dem Podest wäre natürlich schön – ihr größtes Ziel ist es jedoch, mit einem Lächeln vom Pferd zu steigen und stolz auf sich selbst zu sein.

Besonders bewegt ihren Vater eine kleine Szene, die sich oft wiederholt. Wenn er sie vom Bahnhof abholt, steigt Isabella ins Auto und sagt manchmal als Erstes: „Vater, ich habe dir heute noch gar nicht gesagt, dass ich dich lieb habe.“ Für ihn beschreibt dieser Satz seine Tochter besser als jede Medaille.

Wenn man Andrea Bossler fragt, wie sie Isabella in drei Worten beschreiben würde, antwortet sie: freundlich, selbstständig und liebenswürdig. Ihr Vater ergänzt: ein echter Herzensmensch.

Vielleicht liegt genau darin das Besondere an ihrer Geschichte. Sie handelt nicht nur von sportlichen Erfolgen, sondern von Menschen, die aneinander geglaubt haben. Von Helmut und Sonja Szele, die niemals aufgegeben haben. Von einer Trainerin, die Potenziale erkannt und gefördert hat. Und von einer Frau, die gelernt hat, ihren eigenen Weg zu gehen.

Die Medaillen erzählen einen Teil dieser Geschichte. Der wichtigere Teil zeigt sich jedoch in ihrem Mut, ihrer Ausdauer und ihrer Herzlichkeit. Schritt für Schritt hat Isabella Szele bewiesen, dass wahre Stärke nicht darin liegt, keine Hindernisse zu haben – sondern trotz aller Hindernisse immer weiterzugehen.

Text: Letizia Majstorovic

Fotos: GEPA pictures & Privat