WAS UNS BEWEGT, Teil 17: Als Elias und Lukas am 19. Dezember 1996 zur Welt kommen, passt jeder von ihnen beinahe auf zwei Hände. Die eineiigen Zwillinge werden rund zwei Monate zu früh geboren. Elias wiegt gerade einmal 1,786 Kilogramm, sein Bruder Lukas sogar nur 1,432 Kilogramm. Kurz nach der Geburt folgt die nächste Überraschung: Beide haben das Down-Syndrom – eine äußerst seltene Konstellation bei eineiigen Zwillingen.

Elias Duhs

Lukas Duhs
Fast drei Jahrzehnte später wirkt diese Vorstellung kaum mehr greifbar. Aus den Frühchen, die gemeinsam kaum dreieinhalb Kilogramm auf die Waage brachten, sind zwei sportliche Männer geworden. Und aus dem Gewichtsunterschied von rund 35 Dekagramm sind inzwischen beinahe zehn Kilogramm geworden. Während Lukas größer und kräftiger gebaut ist, wirkt Elias etwas schmächtiger. Doch eines hat sich seit ihrer Geburt nie verändert: Die beiden gehen durchs Leben Seite an Seite.
Ihr Vater Hans-Peter Gruber beschreibt sie als „Ein Herz und eine Seele“. Wer die Brüder erlebt, versteht schnell, warum. Sie wohnen zusammen, verbringen ihre Freizeit gemeinsam und freuen sich über die Erfolge des anderen als wären es die eigenen. Selbst eine längere Trennung ist für beide kaum vorstellbar.
Obwohl die Brüder eineiige Zwillinge sind, könnten ihre Persönlichkeiten unterschiedlicher kaum sein. Lukas ist der Organisator. Er möchte alles wissen, plant voraus und beschäftigt sich oft schon Tage vor einem Termin mit Anreise, Unterkunft und Ablauf. Seine Trainerin Regina Holzinger beschreibt ihn als „Kopfmensch“. Elias hingegen vertraut stärker seinem Gefühl. Er wirkt entspannter, lässt sich selten aus der Ruhe bringen und begegnet vielen Dingen mit bemerkenswerter Gelassenheit. „Der Elias ist der Bauchmensch“, sagt Holzinger. Während Lukas plant, macht Elias einfach.
Schon als Kinder sind Elias und Lukas kaum zu bremsen. Sie wollen überall dabei sein. Beim Fußballverein, bei der Feuerwehr, bei Veranstaltungen des Kulturvereins in Rottenmann oder bei sportlichen Aktivitäten aller Art. Während viele Menschen vor allem ihre Behinderung sehen, entdecken ihre Eltern etwas anderes: eine unbändige Neugier auf die Welt.
Neben dem Sport spielt Musik eine ebenso wichtige Rolle in ihrem Leben. Bereits als Kinder lernen sie Klavier, später wechseln sie zur steirischen Harmonika. Gemeinsam mit ihrem Vater stehen sie sogar auf der Bühne und musizieren vor Publikum. Heute gehört das Schlagzeug zu ihren größten Leidenschaften. Dazu kommen Musicals, Konzerte und die Begeisterung für Künstler unterschiedlichster Genres. Von Helene Fischer bis Queen – ihre Musikwelt kennt kaum Grenzen.
Den entscheidenden Wendepunkt bringt jedoch eine Frau, der die Familie bis heute viel zu verdanken hat: ihre Trainerin Regina Holzinger. Die damalige Begleitlehrerin macht die Brüder auf das Judo aufmerksam und lädt sie ein, einmal beim Training vorbeizuschauen. Was als unverbindlicher Versuch beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Leidenschaft, die ihr Leben nachhaltig prägt.
Im Judoverein finden Elias und Lukas weit mehr als nur einen Sport. Sie finden Gemeinschaft. Auf der Matte spielt es keine Rolle, ob jemand eine Beeinträchtigung hat oder nicht. Alle trainieren miteinander, lernen voneinander und wachsen gemeinsam. Elias und Lukas waren die ersten Sportler mit Beeinträchtigung, die Holzinger dauerhaft in ihre Judogruppe integrierte. Was damals noch auf Skepsis stieß, ist heute längst selbstverständlich geworden.
Was einst mit einem Schnuppertraining begann, entwickelte sich zu einer beeindruckenden sportlichen Laufbahn. Die Brüder nahmen an zahlreichen Wettkämpfen teil, standen bei Special-Olympics-Wettbewerben auf der Matte und sammelten Medaillen bei regionalen und nationalen Meisterschaften. Heute tragen beide den braunen Gürtel – die letzte Stufe vor dem Schwarzgurt. Für ihre Trainerin ist klar: Diesen Weg sollen sie auch noch gehen. „Ich schaue gerade, dass sie die Prüfung machen dürfen“, sagt sie. Der Schwarzgurt wäre der vorläufige Höhepunkt einer Reise, die vor vielen Jahren mit zwei sportbegeisterten Brüdern begann, die neugierig zum ersten Mal eine Judomatte betraten.
Dabei hat ihnen das Judo weit mehr vermittelt als sportliche Erfolge. Holzinger beschreibt die beiden als ehrgeizig und diszipliniert. Besonders wichtig seien jedoch die Werte, die auf der Matte vermittelt werden. Respekt, Zusammenhalt und Verlässlichkeit werden im Verein großgeschrieben. „Bei mir ist jedes Kind gleich“, sagt sie. Ob mit oder ohne Beeinträchtigung – alle trainieren gemeinsam, helfen einander und wachsen miteinander.
Ende Juni werden Elias und Lukas bei den Nationalen Special Olympics Sommerspielen in Wien auf die Matte treten. Wieder Seite an Seite, so wie sie es ihr ganzes Leben lang getan haben. Und unabhängig davon, welche Platzierung am Ende auf der Anzeigetafel steht, haben die beiden längst bewiesen, was wirklich zählt.
Wer Elias und Lukas begegnet, erkennt schnell, dass ihre Geschichte weit mehr ist als die Geschichte zweier erfolgreicher Sportler. Sie ist die Geschichte von Mut, Zusammenhalt und gelebter Inklusion. Von zwei Brüdern, die gezeigt haben, dass Grenzen oft dort verschwinden, wo Menschen einander mit Offenheit begegnen.
Text: Maria Bonaccorso





