WAS UNS BEWEGT, Teil 8: Wenn Alfred Puschenjak über den Fußball spricht, verändert sich etwas. Seine Stimme wird fester, seine Worte klarer. Es ist, als würde sich in diesem Moment alles ordnen. „Das liegt mir im Herz“, sagt er. Und man merkt sofort: Für Alfred ist Fußball nicht einfach ein Hobby. Es ist der Ort, an dem er ganz er selbst ist.
Fotos: GEPA pictures & SOÖ
Der 59-Jährige lebt mit einer geistigen Beeinträchtigung. Wie genau sie einzuordnen ist, kann er selbst nicht sagen. „Ich bin geistesbehindert, 50 %“, sagt er schlicht. Was nüchtern klingt, beschreibt doch nur einen Teil seiner Geschichte. Denn wer Alfred zuhört, erkennt schnell: Es geht nicht darum, was ihm fehlt – sondern darum, was ihn trägt. Und das ist vor allem eines: der Sport.
Sein Alltag ist ruhig, strukturiert. Frühstück, Haushalt, kleine Aufgaben. Geschirr ein- und ausräumen, waschen, aufräumen – Dinge, die den Tag füllen und ihm Halt geben. Vieles passiert in seinem eigenen Tempo. Und doch gibt es diesen einen Fixpunkt, der heraussticht: Freitag – Training.
Seit Jahren steht Alfred auf dem Fußballplatz, Woche für Woche. Sein Weg zum Fußball begann über Thomas Gruber von Special Olympics – eine Begegnung, die geblieben ist. „Ich bin froh, dass ich ihn hab“, sagt er über den Trainer, der ihn damals zum Fußball gebracht hat. Es war der Beginn von etwas, das bis heute anhält.
Wenn Alfred spielt, ist er voll da. Dann zählt kein Alltag, keine Unsicherheit, kein Zweifel. „Ich fühl mich einfach cool“, sagt er und lächelt. Fußball gibt ihm Struktur, Zugehörigkeit und vor allem ein Gefühl von Stärke. Auf dem Platz ist er nicht jemand, der sich erklären muss. Er ist Teil der Mannschaft. Mehr noch: Er führt sie. Alfred ist Kapitän.
„Ich schau zur Mannschaft“, sagt er. Verantwortung zu übernehmen, da zu sein, mitzugehen – das ist für ihn selbstverständlich. Seine Teamkollegen sind mehr als Mitspieler. Sie sind Gemeinschaft. Menschen, mit denen er trainiert, lacht, erlebt. Der Teamgeist ist es, der ihn antreibt. Am schönsten ist es für ihn, wenn ein Tor fällt – weil sich in diesem Moment die ganze Mannschaft gemeinsam freut. „Komm mit“, sagt er – und meint damit viel mehr als nur das Spiel.
Auch abseits des Platzes begleitet ihn der Sport. Er hilft bei „Sport für alle“, unterstützt beim Aufbauen, ist da, wenn er gebraucht wird. Bewegung ist für ihn kein einzelner Moment, sondern Teil seines Lebens. Seine Begeisterung für Fußball hört dabei nicht beim eigenen Spiel auf. Alfred ist Sturm-Graz-Fan – und das schon seit seiner Kindheit. Mit seinem Vater ging er früher ins Stadion, stand in der Kurve, erlebte Spiele, Atmosphäre, Emotionen. Erinnerungen, die geblieben sind.
Überhaupt spielt Familie eine große Rolle in seinem Leben. Sie gibt ihm Halt, auch wenn nicht immer alles einfach ist. Besonders die Beziehung zu seinem Vater beschreibt er als herausfordernd. „Es ihm recht zu machen“, sagt Alfred, sei oft schwierig. Erwartungen, Gespräche, unterschiedliche Vorstellungen – Dinge, die ihn beschäftigen. Und trotzdem: Seine Familie ist ihm wichtig. Genauso wie seine Frau Liselotte, die in einer eigenen Wohngemeinschaft lebt – eine Beziehung, für die er einsteht.
Wenn man Alfred fragt, wer ihn am meisten unterstützt, sagt er etwas Überraschendes: „Ich kann mich selber am meisten.“ Es ist ein leiser Satz, aber einer, der viel über ihn erzählt. Denn trotz aller Herausforderungen, trotz Zweifel und Hürden, ist da etwas in ihm, das ihn weitermachen lässt. Vielleicht ist es genau das, was ihn auf dem Platz so stark macht.
Seine Ziele sind klar. Keine großen Worte, keine komplizierten Pläne. „Dass ich so lang Fußball spielen kann wie möglich“, sagt er. Und wenn er an die Sommerspiele denkt, dann spricht er davon, wieder zu glänzen. Zu zeigen, was er kann. Für sich. Für sein Team.
Vielleicht ist es genau das, was Alfred ausmacht: diese Klarheit, diese Ehrlichkeit, diese tiefe Verbindung zu dem, was er liebt. Er vergleicht sich nicht. Er erklärt sich nicht. „Ich bin halt der Alfred“, sagt er. Und vielleicht braucht es auch nicht mehr.
Denn wenn er am Platz steht, den Ball am Fuß, die Mannschaft hinter sich, dann ist alles da, was zählt: ein Kapitän, ein Teamspieler, ein Mensch mit Herz am Ball.
Text: Letizia Majstorovic






