WAS UNS BEWEGT: Teil 1 unserer Serie startet in Kärnten, bei Romana und Marina Zablatnik. Bei zwei Schwestern, die unterschiedlich in ihrem Wesen sind, aber verbunden in ihrem Weg. 

Unzertrennlich: Romana, Katherine und Marina Zablatnik (v. l.)

„Ich habe meine Töchter wachsen sehen. Nicht von heute auf morgen. Nicht in großen, lauten Schritten. Sondern langsam, leise und genau darin liegt ihre größte Stärke“, sagt Katherine Zablatnik, die stolze Mutter.

Romana Zablatnik ist 35 Jahre alt, Marina Zablatnik 37 Jahre alt. Sie sind zwei Schwestern aus Gallizien, zwei unterschiedliche Charaktere, die durch ein Band verbunden sind, das tiefer geht als jeder sportliche Erfolg. Beide leben mit einer seltenen genetischen Erkrankung, die mit erheblichen gesundheitlichen und entwicklungsbedingten Einschränkungen verbunden ist.

Der Sport fördert nicht nur ihre körperliche Entwicklung, sondern eröffnet ihnen auch neue Möglichkeiten. Er schenkt ihnen Freude, stärkt ihr Selbstvertrauen und schafft wertvolle Erfolgserlebnisse. Trotz ihrer eingeschränkten geistigen Leistungsfähigkeit verfügen sie über eine außergewöhnlich ausgeprägte emotionale Wahrnehmung. Sie nehmen Stimmungen sensibel wahr, reagieren aufmerksam und begegnen anderen mit bemerkenswerter Herzlichkeit.

Seit 2013 ist der Sport ein fester Bestandteil ihres Lebens. Wer jedoch nur auf Medaillen und sportliche Erfolge schaut, übersieht das Wesentliche, nämlich die Entwicklung, die hinter all dem steckt.

Früher war Romana sehr zurückhaltend. Sie wurde gemobbt, zog sich zurück und begann, an sich selbst zu zweifeln. Sie war ein stilles Mädchen in einer lauten Welt. Das Schwimmen wurde für sie mehr als nur Bewegung, es wurde zu einem Ort, an dem sie sich beweisen konnte. Anfangs kämpfte sie um Medaillen, beinahe so, als müsse sie ihren eigenen Wert nach außen hin sichtbar machen. Mit den Jahren veränderte sich jedoch ihr Antrieb. Heute schwimmt sie nicht mehr gegen andere, sondern für sich selbst, für ihre persönliche Bestzeit und für das Gefühl, stärker zu sein als ihre Zweifel.

2018 wurde sie als „Special Olympics Persönlichkeit des Jahres“ ausgezeichnet – eine Ehrung für ihre Vorbildwirkung und ihre sportlichen Leistungen. Ein weiterer Höhepunkt folgte 2023 bei den Special Olympics World Summer Games in Berlin, als sie Bronze über 100 Meter Lagen gewann. Eine internationale Bühne, ein Podestplatz und doch zählte nicht allein die Medaille. Es war vielmehr ein sichtbares Zeichen ihrer Entwicklung und ihres Durchhaltevermögens.

Romana arbeitet seit vielen Jahren als Küchenhilfe in einem Kindergarten. Sie kommt mit dem Gefühl nach Hause, gebraucht zu werden. Ihr Selbstvertrauen ist gewachsen durch Arbeit, Sport und Erfahrungen, die nicht immer leicht waren.

Marina ist anders. Vielleicht wirkt sie im Wettkampf ruhiger und im Alltag etwas gelassener, doch ihr großes Herz füllt jeden Raum. Wo sie ist, wird gelacht. Sie hat die Fähigkeit, Leichtigkeit in schwierige Situationen zu bringen und mit wenigen Worten Nähe zu schaffen. Auch sie trainiert seit 2013 und stand 2023 in Berlin am Start, wo sie den vierten Platz belegte. Knapp am Podest vorbei, aber ohne Neid. Als sie gefragt wurde, ob sie eifersüchtig auf ihre Schwester sei, antwortete sie, warum sie eifersüchtig sein solle, es sei doch ihre Schwester. In dieser Selbstverständlichkeit zeigt sich ihre Größe. Für Marina zählt das Gemeinsame mehr als der Vergleich und das Miteinander mehr als der Rang.

Fotos: GEPA pictures/Special Olympics & SOÖ

Was die beiden verbindet, geht weit über Wettkämpfe hinaus. Sieben Jahre lang begleiteten sie ihre schwer demente Großmutter, mit viel Geduld, Verlässlichkeit und ohne Bitterkeit. Für sie war es keine Belastung, sondern selbstverständlich. Zusammenhalt wird bei ihnen nicht erklärt, er wird gelebt.

Seit 2024 stehen sie nicht nur im Schwimmbad, sondern auch auf der Tanzfläche. Bei den Nationalen Special Olympics Winterspielen in Graz gewannen sie gemeinsam Bronze. Eine Stunde Training bedeutet dort vor allem eines: herzliches Lachen. Und trotzdem wird hart gearbeitet. Besonders wichtig sind hier Koordination, Mut und Körpergefühl. Beim Tischtennis hingegen dürfen Emotionen raus, da wird gekämpft, diskutiert, geflucht und wieder gelacht. Wenn sie in ihrer Heimatgemeinde stundenlang in der Kälte Boccia spielen, wird deutlich, dass nicht die Pokale, sondern das Miteinander im Vordergrund steht.

Was ihre Geschichte so besonders macht, sind nicht die Titel oder sportlichen Leistungen. Es ist die Entwicklung, die dahintersteckt. Ihre Mutter fasst es in einfachen Worten zusammen: Sie habe erlebt, wie aus Unsicherheit Stärke wurde, wie aus Zurückhaltung Selbstvertrauen wuchs und wie aus Belastung Zusammenhalt entstand. Manchmal fragt sie sich, wer hier eigentlich wen stärker gemacht hat, der Sport ihre Töchter oder ihre Töchter den Sport in ihrem Leben.

Heute stehen Romana und Marina Seite an Seite, unterschiedlich in ihrem Wesen, aber verbunden in ihrem Weg. Im Wasser sind sie konzentriert, beim Tanzen lachen sie und am Tischtennistisch kämpfen sie. Wenn ihre Mutter sie heute anschaut, denkt sie nicht zuerst an Wettkämpfe oder Trainingseinheiten. Sie sieht zwei junge Frauen, die ihren Weg gefunden haben. Nicht immer gerade. Nicht immer leicht. Aber ehrlich.

Text: Maria Bonaccorso

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