Teil 18 und (vorerst) letzter Beitrag in unserer Serie “WAS UNS BEWEGT”: Wer Christian Kräutler heute erlebt, begegnet einem Menschen mit vielen Talenten. Er schreibt Kinderbücher, komponiert Musik, entwickelt Karten- und Brettspiele und trainiert regelmäßig für Wettkämpfe. Sein Alltag ist geprägt von Kreativität, Disziplin und der Bereitschaft, immer wieder Neues auszuprobieren. Dass er dabei immer wieder Wege eingeschlagen hat, die ihm viele nicht zugetraut hätten, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben.

Christian lebt heute in Laa an der Thaya in Niederösterreich. Nach vielen Jahren in Wien kehrte er vor zwei Jahren in seine Heimat zurück. Von dort aus pendelt er regelmäßig zum Studio, zum Training und zu seinen zahlreichen Projekten. Stillstand ist für ihn keine Option. Wer ihn kennt, weiß, dass er sich am wohlsten fühlt, wenn er an einer neuen Idee arbeitet.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Musik. Unter seinem Künstlernamen Chris Edisen schreibt und produziert Christian eigene Songs. Bei der Eröffnung der Special Olympics Sommerspiele wird er auch als Musiker auf der Bühne stehen. Seine Lieder erzählen von Erfahrungen, Gefühlen und Menschen, die ihn geprägt haben. Besonders am Herzen liegt ihm der Song „My Mother“, mit dem er seiner Mutter Danke sagt. Gefühle auszusprechen, fällt ihm manchmal schwer – durch die Musik findet er dafür seine eigene Sprache. Doch die Bühne ist nur ein Teil seiner Geschichte.

Christian lebt mit dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, die für Außenstehende oft kaum sichtbar ist. Viele Menschen würden nicht vermuten, dass er Teil der Special-Olympics-Bewegung ist. Genau deshalb ist es ihm wichtig zu zeigen, dass nicht jede Beeinträchtigung auf den ersten Blick erkennbar sein muss.

„Wir sind nicht verrückt, sondern wir denken einfach speziell.“

Schon früh merkte Christian, dass er die Welt oft anders wahrnimmt als viele Menschen in seinem Umfeld. Sich anzupassen, nur um dazuzugehören, war für ihn nie einfach. Ehrlichkeit und Direktheit dagegen schon. „Wenn alle sagen, der Himmel ist rosa, dann kann ich nicht zustimmen, wenn er für mich blau ist.“

Diese Haltung brachte ihm nicht immer Verständnis ein. In der Schule, im Berufsleben und im Alltag erlebte er immer wieder Situationen, in denen er sich missverstanden fühlte. Dennoch hat er sich nie verbiegen lassen. Stattdessen konzentrierte er sich auf das, was ihn ausmacht.

Besonders kritisch sieht Christian deshalb den Begriff Inklusion. Oft werde darüber gesprochen, doch echte Chancengleichheit erlebe er bis heute nicht immer. Trotzdem hat er sich davon nie entmutigen lassen.

Im Gegenteil. „Mich motiviert, wenn alle sagen: Das kannst du nicht.“ Dieser Satz beschreibt seine Einstellung vielleicht besser als jeder andere. Immer wieder wollte Christian beweisen, dass Menschen mehr können, als ihnen andere zutrauen. Nicht aus Trotz, sondern weil er fest daran glaubt, dass Entwicklung nur dort möglich ist, wo man sich Herausforderungen stellt. Auch im Sport hat er genau das getan.

Erst 2018 begann Christian mit dem Leistungssport. Ein vergleichsweise später Einstieg, der ihn jedoch nicht davon abhielt, erfolgreich zu werden. In den Jahren danach gewann er österreichische Meistertitel in Leichtathletik, Bowling, Schwimmen und Tischtennis. Besonders im Tischtennis hat er seine sportliche Heimat gefunden.

Zweimal pro Woche trainiert er dafür in Niederösterreich. Dabei arbeitet er nicht nur an Technik und Taktik, sondern auch an seiner mentalen Stärke. Denn negativer Stress kann ihn im Wettkampf herausfordern, besonders wenn er in Rückstand gerät. Doch auch hier hat er gelernt, ruhig zu bleiben und an sich zu glauben. Ein entscheidendes Match konnte er nach einem Timeout noch drehen, obwohl er bereits deutlich zurücklag. Solche Momente haben ihm gezeigt, wie wichtig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sein kann.

Mit großer Vorfreude blickt Christian nun auf die kommenden Special Olympics Sommerspiele. Sportlich hat er sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Zwei Goldmedaillen möchte er gewinnen und seinem Ziel näherkommen, insgesamt 20 österreichische Meistertitel zu erreichen. Mindestens genauso wichtig sind für ihn aber die Begegnungen mit anderen Athletinnen und Athleten. Die Spiele bedeuten für ihn Gemeinschaft, Wiedersehen und das Gefühl, akzeptiert zu werden.

„Ich will positiv auffallen – aber nicht durch die Behinderung“

Vielleicht macht genau das Christian Kräutler aus. Er möchte nicht auf eine Diagnose reduziert werden. Er möchte als Mensch wahrgenommen werden – als Sportler, Musiker, Autor, Erfinder und jemand, der seinen eigenen Weg geht.

Wenn man ihn fragt, worauf er besonders stolz ist, denkt er nicht zuerst an Medaillen oder Titel. Er denkt an all jene Momente, in denen er Menschen das Gegenteil beweisen konnte. An Situationen, in denen aus Zweifeln Motivation wurde. Sein Lebensmotto bringt diese Haltung auf den Punkt: „Wer es nie versucht, der ist von vornherein gescheitert.“

Christian Kräutler hat es versucht. Immer wieder. Und genau deshalb steht er heute dort, wo ihn viele niemals erwartet hätten.

Text: Letizia Majstorovic