WAS UNS BEWEGT, Teil 7: Das Leben kann viele Herausforderungen bieten. Tiere, Sport und die gewohnte Umgebung helfen Claudia Wied dabei, den Alltag zu meistern. Eine Geschichte über eine mutige Frau, die ihren Weg durchs Leben immer wieder neu findet. 

Wenn Claudia morgens aufwacht, beginnt ihr Tag nicht mit Hektik, sondern mit einem vertrauten Ablauf. Als Erstes lässt sie ihren Hund in den Garten – ein ruhiger Moment, der ihr Orientierung gibt. Dann kümmert sie sich um ihre Tiere, geht hinaus, schafft sich Struktur. Zwei Hunde, Katzen, eine Bartagame, ein Igel, Geckos – Claudia lebt umgeben von Lebewesen, die ihr Halt geben und eine Welt formen, die für sie verständlich ist. Denn außerhalb dieses Rahmens ist vieles oft das Gegenteil davon.

„Die Welt macht mir Angst“, sagt Claudia. Sie beschreibt sie als anstrengend, schwer einschätzbar, voller Situationen, die nicht eindeutig sind. Menschen sprechen, lachen, machen Witze – doch was genau sie meinen, bleibt für sie oft unklar. Ob etwas freundlich gemeint ist oder ernst, ob es Ironie ist oder Kritik, lässt sich nicht immer greifen. Für Claudia ist das keine Kleinigkeit, sondern tägliche Herausforderung.

Die 23-Jährige lebt mit einer Autismus-Spektrumstörung, dazu kommen mutistische Phasen, in denen Worte nicht nach außen gelangen, obwohl sie da sind. Vieles, was für andere selbstverständlich ist, verlangt von ihr enorme Kraft: Gespräche führen, neue Situationen betreten, manchmal sogar einfache Handlungen wie eine Tür zu öffnen. Es sind oft unsichtbare Hürden, die ihren Alltag prägen – und genau das macht es für Außenstehende schwer zu verstehen.

Und doch ist Claudias Geschichte keine Geschichte über Grenzen. Es ist eine über Wege, die länger dauern – und darüber, sie trotzdem zu gehen.

Schon früh wurde klar, dass sie Ankerpunkte braucht – etwas, das bleibt, wenn alles andere zu viel wird. Für Claudia sind das ihre Tiere. „Alles ist ohne Tiere schwierig“, sagt sie. Mit ihnen funktioniert Kommunikation anders, direkter, ohne Missverständnisse. Sie geben ihr Struktur im Alltag und Sicherheit in Momenten, in denen die Welt zu laut wird.

Auch ihre Kreativität ist so ein Ort. Claudia zeichnet, arbeitet mit Holz, knüpft Paracord, gestaltet mit Epoxidharz und entwickelt immer neue Ideen. Materialien lassen sich formen, Prozesse sind klar, Ergebnisse greifbar – eine Welt ohne Zwischentöne, in der sie sich sicher bewegt.

Der Sport ist für sie ein weiterer Schritt hinaus. Kein einfacher, aber ein bedeutender.

Wenn Claudia an der Tischtennisplatte steht, richtet sich ihr Fokus auf einen einzigen Punkt: den Ball. „Ich konzentriere mich auf den Ball“, sagt sie. In diesem Moment wird alles andere leiser. Die Bewegungen um sie herum, die Stimmen in der Halle, die vielen Eindrücke – sie treten in den Hintergrund.

Dabei ist genau das ihre größte Herausforderung. Eine Halle mit mehreren Tischtennistischen, viele Menschen gleichzeitig in Bewegung, Geräusche aus allen Richtungen – für Claudia kann das schnell überwältigend werden. Training ist deshalb nie selbstverständlich. Es hängt davon ab, ob der Tag es zulässt, ob genug Kraft da ist, ob die Reize bewältigbar sind.

Ein reguläres Vereinstraining einmal pro Woche ist oft zu spät für sie – ihr Tag endet früh, wenn die Wahrnehmung erschöpft ist. Häufig trainiert sie deshalb individuell, in ruhigerem Rahmen und zu Zeiten, die für sie möglich sind. Manchmal dauert eine Einheit keine Stunde, sondern nur 30 Minuten. Manchmal geht es gar nicht.

Und trotzdem steht sie immer wieder an der Platte.

Der Weg dorthin war kein geradliniger. Andere Sportarten wie Stocksport hat sie ausprobiert, doch die Geräuschkulisse und die vielen Eindrücke machten es schwer. Tischtennis hingegen gab ihr etwas, worauf sie sich fokussieren kann: einen kleinen weißen Ball, der Struktur schafft in einer sonst oft unübersichtlichen Welt.

Gerade deshalb hat der Sport für sie eine besondere Bedeutung. Es geht nicht um Leistung im klassischen Sinn. „Dabei sein ist alles“, sagt Claudia. Für sie bedeutet das, Teil von etwas zu sein – in einer Gruppe zu stehen, dazugehören zu dürfen.

Mit großer Vorfreude blickt sie auf die kommenden Nationalen Sommerspiele von Special Olympics. Für viele sind solche Veranstaltungen Wettkämpfe. Für Claudia sind sie vor allem Begegnung – und eine enorme Herausforderung zugleich. Große Hallen, viele Menschen, unzählige Eindrücke.

Dass sie trotzdem teilnimmt, ist alles andere als selbstverständlich.

Unterstützt wird sie dabei von ihren Assistenzhunden. „Wir verstehen uns auch ohne Worte“, sagt Claudia. Sie geben ihr Sicherheit und helfen ihr, Situationen zu bewältigen, die sonst kaum möglich wären. Gleichzeitig verändern sie auch den Blick der anderen: Menschen sprechen zuerst den Hund an, nicht sie. Begegnungen werden dadurch einfacher.

Claudias Weg begann nicht unter einfachen Voraussetzungen. Sie kam als Pflegekind in ihre Familie, nach einem schwierigen Start ins Leben, geprägt von Entzug und frühen Belastungen. Viele Diagnosen folgten erst im Laufe der Zeit. Heute ist ihre Familie ihr sicherster Ort. „Bei der Mama“, sagt sie auf die Frage, wann und wo sie sich am wohlsten fühlt.

Was bleibt, wenn man ihre Geschichte hört, ist ihre Beharrlichkeit. Dinge gelingen selten sofort, oft brauchen sie Zeit, viele Versuche und Geduld. Nach einem Reitunfall war Reiten lange nicht mehr möglich. Doch anstatt aufzugeben, fand Claudia einen anderen Weg – mit dem Pony und der Kutsche. Anders als zuvor, aber weiter.

Für die Zukunft formuliert sie keine großen, lauten Ziele. Und doch sagt ein einfacher Satz viel über sie aus: „Ich mag Tiere und Steine.“ Tiere geben ihr Sicherheit, Nähe und Struktur, Steine etwas Greifbares, Ruhiges, Verlässliches.

Wenn man sie fragt, was sie als Mensch ausmacht, antwortet sie ruhig, aber bestimmt: dass sie viele besondere Fähigkeiten hat.

Vielleicht liegt genau darin das Wesentliche dieser Geschichte: nicht darin, alles überwinden zu müssen, sondern den eigenen Weg zu finden. In ihrem Tempo, mit ihren Möglichkeiten, mit Menschen und Tieren an ihrer Seite. Schritt für Schritt, manchmal langsam, manchmal mit Umwegen – aber immer weiter.

Und genau das ist es, was bleibt: Claudia macht’s möglich.

Text: Letizia Majstorovic