WAS UNS BEWEGT: Teil 2 führt uns diesmal ins Joglland. Der 21-jährige David Zottler trainiert, arbeitet, lacht viel – und hat Trisomie 21. Doch wer bei ihm zuerst an ein Chromosom denkt, hat das Wesentliche noch nicht gesehen. Denn Davids Geschichte ist keine über Einschränkungen. Es ist eine Geschichte über Bewegung, Vertrauen und darüber, was möglich wird, wenn jemand an dich glaubt, lange bevor du selbst es kannst.

Wir haben nie geschaut, was im Weg steht“, sagt seine Mutter Birgit. „Wir haben immer geschaut, was ihn weiterbringt.“ Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch Davids Leben.
Schon früh war klar: David ist ein Bewegungsmensch. Sport war für ihn nie Therapie, sondern Ausdruck. Ein Ort, an dem er ganz bei sich sein kann. Mit acht Jahren begann er regelmäßig zu trainieren, heute ist Sport fixer Bestandteil seines Alltags. Schwimmen, Skifahren, Langlaufen – David probiert aus, wächst hinein, bleibt dran. Schritt für Schritt. Nicht hastig, sondern mit einer Ausdauer, die still beeindruckt.
Birgit erinnert sich gut an die Anfänge. An Unsicherheiten, an Fragen ohne Antworten. „Am Anfang weißt du nicht, was auf dich zukommt. Aber dann merkst du: Wenn du deinem Kind Möglichkeiten gibst, dann entwickelt es sich. Vielleicht in kleineren Schritten, aber immer nach vorne.“ Diese Schritte wurden nie bewertet, nie mit anderen verglichen. Jeder Fortschritt zählte. Jeder Versuch.
Trisomie 21 ist sichtbar. Doch für seine Familie war sie nie ein Grund, ihn anders zu behandeln oder kleiner zu denken. Entscheidend sei, sagen sie, ohne Vorurteile auf Menschen zuzugehen und nicht aus einem zusätzlichen Chromosom etwas Größeres zu machen, als es ist. Wenn gemeinsam trainiert, geturnt oder Sport gemacht wird, rückt die Beeinträchtigung in den Hintergrund – dann zählt das Miteinander. Genau so ist David aufgewachsen: nicht als Ausnahme, sondern als Teil der Gemeinschaft.
Wenn David schwimmt, ist er konzentriert. Dann zählt nur der nächste Zug, der nächste Atemzug, das Anschlagen am Beckenrand. Und danach dieses Lächeln, das alles sagt: stolz, ehrlich, unverstellt. „Ich bin glücklich, so wie ich bin“, sagt er. Und man spürt, dass dieser Satz aus Erfahrung gewachsen ist.
Im Sport findet David weit mehr als Bewegung. Er lernt, sich zu fokussieren, mit Niederlagen umzugehen, Erfolge auszuhalten. „Im Sport steckt so viel fürs Leben“, sagt Birgit. „Konzentriert sein, dranbleiben, auf den eigenen Körper hören. Das nimmt er überall mit.“
Besonders bei Bewerben von Special Olympics blüht David auf. Große Veranstaltungen bedeuten für ihn nicht nur Wettkampf, sondern Begegnung. Wiedersehen, Gemeinschaft, Freude. „Das ist wie ein großes Fest“, sagt seine Mutter. „Und David ist mittendrin.“ Wenn viele Menschen da sind, wenn Stimmung entsteht, wenn geklatscht wird, dann wächst er über sich hinaus. „Ich mag große Wettkämpfe“, sagt David. „Wenn mir viele zuschauen und klatschen.“
Auch abseits des Sports geht David seinen Weg. In der Nachbargemeinde Birkfeld absolviert er eine Teilqualifizierungslehre als Mechaniker und arbeitet 20 Stunden pro Woche in einem Betrieb. Es war sein Wunsch, arbeiten zu gehen und Verantwortung zu übernehmen. Die Werkstatt ist für ihn ein Ort, an dem er nicht besonders behandelt wird, sondern mitarbeitet wie die anderen auch. Aufgaben übernehmen, dazulernen, Teil eines Teams sein – genau das wollte er.
Dass dieser Schritt möglich wurde, ist kein Zufall, sondern Ergebnis von Zutrauen. Menschen waren bereit zu sagen: Wir machen das möglich. Für David bedeutet die Arbeit mehr als Beschäftigung – sie ist ein Stück Selbstständigkeit und Teilhabe am ganz normalen Alltag.
Sein Umfeld begleitet ihn dabei mit einer ruhigen, klaren Haltung. „Wir haben ihn immer dort abgeholt, wo er steht“, sagt Birgit. „Und dann haben wir geschaut, was der nächste Schritt sein kann.“ Kleine Schritte, die weiterführen. Schritte, die bleiben.
David weiß, dass sein Weg kein Weg allein ist. Er ist dankbar für die Menschen, die ihn begleiten, ihn motivieren und ihm zutrauen, was andere vielleicht nicht sehen. Dankbar dafür, dass seine Stärken wahrgenommen werden. Vor allem aber dafür, eine Chance bekommen zu haben, sich beweisen zu können. Diese Möglichkeit hat für ihn alles verändert.
Der Blick geht nach vorne. David freut sich auf die Nationalen Sommerspiele im Juni 2026 in Wien. Auf das Wasser, die Atmosphäre, die Menschen am Beckenrand. Er hofft, dass viele kommen, dass sie anfeuern, dass sie da sind – nicht unbedingt wegen des Ergebnisses, sondern wegen des Moments.
Sein großes Ziel? Einmal bei Weltspielen dabei zu sein. Am liebsten im Winter. Skifahren. International. „Ich will richtig Profi werden“, sagt David – und meint damit nicht Perfektion, sondern Hingabe. Arbeiten, trainieren, besser werden. In seinem Tempo.
„Ich arbeite weiter“, sagt er. „Ich gebe nicht auf.“
Es ist kein lauter Satz. Aber einer, der bleibt.
Heute steht David dort, wo er sein will: mitten im Leben, mitten im Sport, mit Zielen vor Augen und Menschen an seiner Seite. Wenn er an die Zukunft denkt, denkt er nicht in Grenzen, sondern in Möglichkeiten. Und wenn er am Start steht – egal ob im Wasser oder im Leben – dann weiß er: Er gehört hierher.
Text: Letizia Majstorovic
Fotos: SOÖ & Franz Kern





