WAS UNS BEWEGT, Teil 12: Manfred „Manny“ Schäfer spricht nicht viel über seinen Unfall. Vielleicht, weil manche Dinge sich nicht in Worte fassen lassen. Vielleicht auch, weil sein Leben heute längst von etwas anderem bestimmt wird: vom Sport, vom Ehrgeiz – und von dieser besonderen Art, mit der er Menschen zum Lachen bringt.
Fotos: GEPA pictures
Wenn man Manny erlebt, fällt zuerst seine fröhliche Art auf. Er macht Scherze, lacht viel, sucht den Kontakt zu anderen. Doch hinter diesem offenen Wesen steckt eine Geschichte, die sein Leben verändert hat.
Mit etwa elf Jahren stürzt er rückwärts von einer Mauer. Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma bleibt zurück. Davor war er ein gesundes Kind, spielte Tischtennis mit seinem Onkel, lernte Englisch in der Schule. Danach ist vieles anders. Seine Beeinträchtigung begleitet ihn bis heute. Autofahren kann er nicht. Das Sprechen fällt ihm oft schwer, Worte stocken, Sätze brauchen Zeit. Geduld gehört dazu, wenn man Manny zuhört.
Und doch gibt es da diesen bemerkenswerten Gegensatz: Sobald er Englisch spricht, scheint etwas in ihm zurückzukehren. Die Worte fließen klarer, flüssiger, beinahe selbstverständlich. Als hätte sein Gedächtnis einen Teil dieser Sprache besonders fest bewahrt. Bei internationalen Bewerben gab er Interviews sogar auf Englisch – sicherer als auf Deutsch.
Doch am stärksten wirkt Manny wahrscheinlich an der Tischtennisplatte.
Der Sport begleitet ihn schon seit seiner Kindheit. Bereits vor dem Unfall spielte er mit seinem Onkel, lernte früh den Umgang mit Schläger und Ball. Vielleicht ist genau deshalb etwas geblieben – ein Gefühl von Vertrautheit, das selbst schwere Einschnitte überdauert hat. Heute ist Tischtennis weit mehr als nur Bewegung für ihn. Es ist Ausgleich, Freiheit und ein Stück Selbstbestimmung. „Beim Sport fühle ich mich nicht beeinträchtigt “, sagt er.
Im Alltag braucht vieles Struktur. Manny arbeitet beim Arbeits- und Dienstleistungsprojekt „gschickt und gschwind“ der Caritas in Bludenz – einem Projekt für Menschen mit Beeinträchtigung, das wirtschaftsnahe Dienstleistungen ermöglicht. Dort übernimmt er Aufgaben, arbeitet mit und erlebt einen geregelten Alltag, der ihm Halt gibt. Arbeit bedeutet für ihn nicht nur Beschäftigung, sondern auch Teilhabe und Selbstständigkeit. Kleine Veränderungen oder neue Aufgaben brauchen manchmal Zeit, trotzdem geht er sie ruhig und konsequent an.
Der Sport hilft ihm dabei. Nicht nur körperlich, sondern auch innerlich.
„Ich bin durch den Sport selbstbewusster geworden“, sagt Manny. Früher sei er eher schüchtern gewesen. Heute tritt er offener auf, wirkt sicherer, ehrgeiziger. Tischtennis hat ihn verändert – auch außerhalb der Halle. Er hat Freunde gefunden, reist zu Bewerben, erlebt Gemeinschaft. Und er hat etwas geschafft, worauf er selbst stolz ist: Durch den Sport hat er viel Gewicht verloren und gelernt, dranzubleiben.
Was ihn trägt, sind vor allem die Menschen um ihn herum. Seine Familie. Seine Freunde. Seine Trainer. Sie glauben an ihn, motivieren ihn, geben ihm Kraft, wenn es schwierig wird. Manny spricht oft darüber, wie wichtig diese Unterstützung für ihn ist. Nicht laut oder dramatisch – eher selbstverständlich. Als wäre Zusammenhalt für ihn nie etwas Besonderes gewesen, sondern immer Teil seines Weges.
Besonders freut er sich auf die kommenden Sommerspiele von Special Olympics. Dort darf er erstmals gemeinsam mit seinem guten Freund Rudi Unified Tischtennis spielen. Für Manny bedeutet das weit mehr als nur ein Bewerb. Es ist Wiedersehen, Gemeinschaft und die Möglichkeit, gemeinsam auf etwas hinzuarbeiten. Alte Bekannte treffen, zusammen lachen, Wettkämpfe erleben – genau darauf freut er sich am meisten.
Natürlich hat er auch sportliche Ziele. Eine gute Platzierung. Vielleicht sogar eine Medaille. Aber wenn man Manny zuhört, merkt man schnell: Es geht ihm nicht nur ums Gewinnen. Es geht darum, dabei zu sein. Sich zu beweisen. Zu zeigen, dass Leistungssport und Beeinträchtigung sich nicht ausschließen. „Jeder kann Sport machen“, sagt er. Ein einfacher Satz – und gleichzeitig eine klare Botschaft an all jene, die Menschen mit Beeinträchtigung noch immer unterschätzen.
Vielleicht ist genau das das Besondere an Manny Schäfer: Er versucht nicht, jemand anderes zu sein. Er erzählt seine Geschichte nicht mit großen Worten. Er lebt sie einfach.
Als Kämpfer. Als Teamkollege. Als jemand, der trotz schwerer Herausforderungen seinen Humor behalten hat. Und als Sportler, der an der Tischtennisplatte etwas findet, das im Alltag oft schwer zu greifen ist: Leichtigkeit.
Wenn Manny bei den Sommerspielen antritt, dann wird man wahrscheinlich genau das sehen. Einen Menschen, der nicht auf das reduziert werden möchte, was ihm passiert ist. Sondern auf das, was ihn heute ausmacht.
Seine fröhliche Art.
Seinen Ehrgeiz.
Und dieses ehrliche Lächeln nach einem gewonnenen Punkt.
Text: Letizia Majstorovic




